Konzept für die Schulsozialarbeit an der RGH Lunden

 

       „Jedes Verhalten, mag es für Außenstehende noch so seltsam erscheinen,

         ist für den Betreffenden sinnvoll.

         Es hat in einer bestimmten Situation, in einem bestimmten Zusammenhang

         und unter bestimmten Bedingungen eine Funktion !“

(Bergsson/Luckfiel: „Umgang mit schwierigen Kindern” 1998, S. 23)

 

Schulsozialarbeit (im weiteren SSA) kann - verallgemeinert - als eine Form der Kooperation von Jugendhilfe und Schule dargestellt werden.

 

         „Jugendhilfe hat in Ergänzung zur Familie und neben Schule und Ausbildung

         junge Menschen in ihrer Entwicklung allgemeinerzieherisch zu fördern, durch

         Beratung und Unterstützung sozialen Benachteiligungen und Entwicklungs-

         krisen entgegenzuwirken, Hilfe zur Erziehung zu leisten.

(Jordan/Sengling: „www.schulforum.net” was ist SSA, S. 1)

 

Diese wenig präzise Definition macht deutlich, dass derzeit eine Vielzahl von Arbeitsansätzen mit den unterschiedlichsten Methoden der Sozialpädagogik als SSA dargestellt werden.

Jeder Träger - schlussendlich jede Schule - muss daher zur Zeit eine eigene Vorstellung und eine eigene Umsetzung der SSA auf den jeweiligen Standort bezogen, entwickeln.

 

Problemfeld Störung im Unterricht / Unterrichtsverweigerung

Ein Problem im Unterricht ist die ständig wiederkehrende Konfliktsituation zwischen Lehrkraft / Schüler oder Schüler / Schüler. Neben der tatsächlichen Störung des Unterrichtes ist zu beachten, dass auch anfänglich harmlos erscheinende Konfrontationen sehr schnell in eine „Wenn Du nicht ... dann ...” Situation endet, die allzu oft mit einem Verweis oder anderen Sanktionen beendet werden muß. Beide Parteien sind durch die Unterrichts- bzw. Gruppendruckssituation so unter Zugzwang gesetzt, dass ein Nachgeben oder Einlenken scheinbar unmöglich wird. Der Klassenverweis ist allerdings im Mißbilligungsinstrumentarium der Schule eine sehr hohe „Strafe”. Wird er häufiger eingesetzt, verliert er natürlich an Schärfe; eine gewisse Abstumpfung der Schüler (ist mir doch egal...) oder sogar ein Wettbewerb um die meisten Verweise setzt ein.

Der Schüler verliert das Gefühl für abgestufte Maßnahmen und somit das Gefühl der feinen Grenzsetzung und -erkundung, die unter anderem soziale Kompetenz (wie weit kann ich gehen, wenn ich meine Interessen verfolge - und bin ich bereit die jeweilige Konsequenz zu tragen) ausmacht.

Um dem Lehrkörper eine feinere Abstufung der Sanktionen zu ermöglichen, aber ausdrücklich auch um dem Schüler eine „Flucht aus der Konfrontation” zu eröffnen, wird die so genannte pädagogische Insel eingerichtet. Diese Insel ist eine niederschwellige Variante der SSA, deren Zweck in erster Linie darin besteht, einen Rückzugsraum zu stellen. Der Konflikt aus dem Unterrichtsraum und vor allem aus der Drucksituation für alle wird verlagert und damit seine Eigendynamik entschärft.

Innerhalb der Insel wird die SSA den Versuch unternehmen, zuerst eine Beruhigung der jeweiligen Gefühlslage der Schüler herbeizuführen, um im Verfolg eine Analyse des Konfliktes und eventuell andere mögliche Handlungsweisen des Schülers (evtl. auch der Lehrkraft ?) zu ermöglichen.

Absicht dieser Insel ist vorrangig akut, sie kann helfen die Konfrontation aus dem Unterricht zu verlagern und die Sanktionsmöglichkeiten des Lehrkörpers zu erweitern.

Mittelfristig wird die Insel eine Plattform bieten, in der auch Fragen der sozialen Kompetenz Einzelner aber auch der Einrichtung bearbeitet werden können.

 

Aufgabenstellung Elternarbeit

Eine Vielzahl von Problemen aber auch Lösungsansätzen liegt im Bereich der Elternarbeit. Diese werden im schulischen Alltag häufig entweder als „Problemursache” oder als „Helfer für praktische Arbeiten” betrachtet. Die klassische Elternarbeit (neben den Elternabenden oder Elternsprechtagen) besteht in Einladungen bzw. Vorladungen um Problemverhalten des Kindes zu thematisieren. Die Gesprächssituation ist daher in der Regel auch als angespannt zu betrachten. In der Konsequenz beinhaltet dies, dass eine Reihe von Eltern ein eher verkrampftes Verhältnis zur Schule haben und die notwendige Mitarbeit zum Kindeswohl unnötig erschwert wird.

Die SSA kann hier hilfreich eingesetzt werden, da sie weniger die schulischen Leistungen des Schülers, sondern eher sein Verhalten im sozialen Raum thematisiert und Lösungsansätze zur Verhaltensänderung mit einem geringeren Konfrontationspotenzial erörtern kann. Wie bereits oben dargelegt, ist es möglich, eine „... wenn nicht .... dann....” Situation abzubauen bzw. nicht entstehen zu lassen.

Damit die Ressource Eltern für den pädagogischen Auftrag besser erschlossen werden kann, richtet sich die SSA aktiv auch mit niederschwelligen, offenen Angeboten an diese. Im Rahmen eines regelmäßigen „Elterntreffs” soll den Erziehungsberechtigten die Möglichkeit eingeräumt werden, informell mit dem Ort Schule und den handelnden Personen Kontakt aufzunehmen.

 

Leerraum Freizeitpädagogik

Eine nicht unerhebliche Anzahl der Beschulten fällt nach Ende des Unterrichts in ein unbetreutes Loch. Aus unterschiedlichsten Gründen findet seitens des Elternhauses keine oder nur eine rudimentäre pädagogische Betreuung statt. Der Versuch, diese Kinder über Verbände oder Vereine in soziale Gruppen zu binden, ist häufig zum Scheitern verurteilt, da es diesen Kindern an den Grundvoraussetzung wie Verbindlichkeit, Disziplin und Verantwortungsgefühl fehlt, ohne die eine feste Interessengemeinschaft (wie z.B. eine Sportgruppe) nicht aufgebaut werden kann. Im Verfolg wird der Leerraum Freizeit mit Aktionen gefüllt, welche die Langeweile unterbrechen sollen. Dass diese Aktion oft genug zumindest als grenzwertig für den Sozialraum anzusehen sind, bedarf keiner weiteren Erörterung.

SSA hat hier die Aufgabe, offene freizeitpädagogische Aktivitäten anzubieten, um den beschriebenen Leerraum zumindest zeitweise zu füllen und über Aktion mit den Kindern in die Beratungssituation einzutreten.

Darüber hinaus kann erfolgreiche Freizeitpädagogik, die im Zusammenhang mit Schule steht, dazu beitragen, dass der Ort Schule als positiv und schützenswert (Stichwort: Vandalismus) erlebt wird.

Nicht ohne Beachtung bleiben sollte in diesem Zusammenhang, dass jedes Angebot der SSA auch einen Fluchtraum (z.B. vor häuslicher Gewalt) für Kinder darstellt !

 

Vernetzung / Gemeinwesenarbeit

Weder Schule noch SSA agieren im sozialen Vakuum. Sämtliche Beteiligten sind in irgendeiner Form in das Gemeinwesen und seine diversen Ressourcen eingebunden. Neben den bereits vorhandenen schuleigenen bzw. integrierten Hilfestellungen (Konfliktlotsen, PIT u.ä.) kann SSA den Versuch unternehmen, weitere Leistungsanbieter zu gewinnen.

Insbesondere im Bereich der Elternarbeit - die aber bei positivem Verlauf natürlich auch Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder hat - kann über die engere Einbindung öffentlicher Einrichtungen (Jugendamt, Beratungsstellen usw.) erhebliches bewirkt werden.

Auch die mögliche Rückmeldung der Vereine über das Verhalten von Schülern in den jeweiligen Kursen kann für die Beurteilung des gesamten Sozialverhaltens des Kindes von Bedeutung sein.

 

Zielformulierung SSA

Wird den vorstehenden Gedankengängen gefolgt, ergibt sich folgende Grobzielformulierung an die SSA der RGH Lunden:

 

         Bei allen Beteiligten die Bereitschaft erzeugen, SSA als vernetztes Hilfsangebot

         der Jugendhilfe zu verstehen, welches die „Lebenskompetenz” der Schüler

         erhöhen soll.

 

         Unterstützung des Lehrkörpers um Konflikte „mal anders” aufzulösen bzw. bei

         Bedarf neue Konfliktlösungsstrategien zu entwickeln 

 

         Präventionsprogramme unterstützen bzw. neue zu entwickeln, um den Beteiligten

         erweiterte Handlungsmöglichkeiten darzustellen.

 

         Freizeitpädagogische Aktivitäten einrichten bzw bestehende unterstützen, um der

         Leere in der schulfreien Zeit (auch Ferien!) mit einem Inhalt zu begegnen.

 

         Erschließung und Vernetzung weiterer auch öffentlicher Ressourcen (Beratungs-

         stellen, Amtsarzt, Jugendamt u.w.).

 

         Unterstützung der Beschulten bei der beruflichen Orientierung in Zusammenarbeit

         mit internen und externen Fachkräften.

 

         In Verbund mit dem Lehrkörper Planung und Durchführung von Arbeitsgruppen,

         in denen Kompetenzen zur Alltagsbewältigung vermittelt werden.

 

         Einrichtung eines „Qualitätszirkels”, in dem Ansätze und Auswirkungen der SSA

         überprüft und weiterentwickelt wird.

 

 

Mit einem Satz zum Nachdenken begonnen, soll dieses Skript auch mit einem Zitat enden:

 

         Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann !

(der Satz wird Rosa Luxemburg zugeschrieben; keine Belegquelle)

 

Anhang I

„Erste Schritte” für die SSA - konkrete Ausführung und Anforderung an die Beteiligten.

 

1) Bekanntmachung des vorläufigen Leistungsangebotes der SSA bei Lehrkörper, Schülern, Eltern und im Einzugsgebiet der Schule bei Vereinen, Verbänden, Organisationen.

Konkret: In der Woche vom 15.09. bis 19.09. wird das Kollegium ersucht während des laufenden Unterrichtes Klassenweise die pädagogische Insel aufzusuchen. Für diesen Erstbesuch sind im Minimalfall 10 min. zur Vorstellung erforderlich, sofern Fragen der Schüler zugelassen werden sollen (sollte im Zweifel die Lehrkraft entscheiden), kann der Zeitrahmen auch eine Unterrichtsstunde beanspruchen. Für die GS Lehe wird der Sozialarbeiter in Absprache mit dem Lehrkörper vor Ort eine direkte Erläuterung in den Klassenräumen anbieten.

Im weiteren hat der Sozialarbeiter Kontakt zu den diversen schuleigenen (z.B. Vertrauenslehrer, Konfliktlotsenausbilder und Elternbeirat) und externen Anbietern (z.B. Jugendamt, Kirche, Vereine, Polizei usw) herzustellen, um Möglichkeiten der Vernetzung auszuloten.

Ein Elternbrief ist zu erstellen, in dem dieses neue Angebot dargestellt wird. Vorzugsweise sollte in diesem Elternbrief bereits ein konkreter „Elterntreff” dargestellt werden, an dem sich Eltern zwanglos in der Insel versammeln können.

Das Gesamtkollegium (auch Lehe) wird ersucht bei der Planung der ersten Elternabenden des Schuljahres einen Gedanken daran zu erübrigen, ob das neue Angebot der SSA kurz vorgestellt werden sollte!

 

2) Nutzung der pädagogischen Insel - notwendiges Umdenken im Lehrkörper

Konkret: Die Insel als Rückzugsraum kann nur funktionieren wenn sie auch genutzt wird!

Dem Lehrkörper steht in diesem Schuljahr erstmalig ein weiteres pädagogisches Instrument zur Verfügung. Dieses kann natürlich nur zum Einsatz kommen, wenn die Chance erkannt und genutzt wird! Eine erfolgreiche SSA ist zwingend auf die Zusammenarbeit aller Beteiligten angewiesen.

Dies bedeutet eindeutig: Der Griff zum Telefon um Schüler in das Elternhaus zu überstellen; die Variante „Schüler steht vor der Tür”, sollte nicht mehr eingesetzt werden. Sofern die schulische Situation nicht mehr tragbar ist, wird der Schüler in die pädagogische Insel überstellt. Wird dort in Zusammenarbeit mit der SSA festgestellt, dass eine weitere Beschulung für diesen Tag nicht sinnvoll ist, sind unverzüglich weitere Schritte (evtl Kontakt zum Elternhaus oder auch Jugendamt) zu erörtern und einzuleiten. Unabdingbare Voraussetzung an dieser Stelle ist die gegenseitige Anerkennung der Professionalität der jeweiligen Herangehensweise. Mit einfachen Worten ausgedrückt: „Wir wollen beide das gleiche erreichen, haben nur andere Handlungsweisen!”.

 

3) Präventionsangebote / Fortbildung

Konkret: SSA soll über die Einzelfallberatung hinaus auch Bildungsangebote zu unterschiedlichen Themen anbieten. Zielgruppen sind dabei Schüler und/oder Eltern. Es ist vorgesehen, dass pro Schuljahr mindestens 2 entsprechende Angebote durchgeführt werden.

In Zusammenarbeit mit den Lehrkräften sollte der thematische Bedarf ermittelt (z.B. durch Umfrage bei einem Elternabend bzw. Umfrage in den Klassen) werden. Vorgeschlagen werden folgende übergeordnete Themenbereiche: Kommunikation; Schuldenberatung; Drogen; ??.

 

4) Evaluation der SSA

Zur Überprüfung der Wirksamkeit von SSA soll im Rahmen des Projektes eine aussagekräftige Evaluation durchgeführt werden. Neben der rein quantitativen Aussage (Anzahl der Beratungen, Nutzung der Insel ...) sollte auch der Versuch unternommen werden, eine qualitative Betrachtung darzulegen. Hierzu ist erforderlich, dass der Lehrkörper etwaige Verhaltensänderungen bei Schülern (und gegebenenfalls Eltern) dokumentiert. Aus der Zusammenfassung dieser Daten kann dann eine aussagekräftige Analyse über den Einsatz der SSA erstellt werden.

Die Evaluationsdaten sollen dabei der Projektlenkungsgruppe im Halbjahresabstand zur Verfügung gestellt werden - selbstverständlich in anonymer Form.

 

Anhang II

Darstellung des Systems und zu gehende Wege

 

 

Schulinterne Schnittstellen und Ressourcen

 

Konfliktlotsen       Vertrauenslehrkraft     Elternbeirat    Lehrkräfte

 

Bus-Engel    PIT    SV     Wahlpflichtkurse      Eltern      Projekte

 

 

 

Externe im Gemeinwesen angesiedelte Stellen

 

Vereine und Verbände           Polizei          JAW       Kirche

 

Kindergarten    Volkshochschule     Erziehungseinrichtungen

 

 

 

Externe Anbieter überregional

 

Jugendamt    Beratungsstellen      Ergotherapie   Logopädie

 

Amtsarzt/Gesundheitsamt    Kreis- bzw Landesämter

 

 

 

Folgende Schritte durch die SSA sind einzuleiten:

 

1) Kontaktaufnahme zu den jeweiligen Stellen, um mögliche Zusammenarbeit auszuloten.

2) Bei erkannten Überschneidungen verbindliche Wege vereinbaren.

3) Überprüfung der Verbindlichkeit und Zusammenarbeit auf Effektivität, da ein „mehr an Aktionen” nicht zwingend ein „mehr an Qualität” beinhaltet!

 

 

Copyright: Detlef Neuenfeldt; RGH Lunden; Januar 2009. Kein Nachdruck, auch Auszugsweise, ohne ausdrückliche Genehmigung des Autors!